Hallo Herr Stöpel,
wir haben eine Reinigungskraft, Anfang 50, welche aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen ihren Beruf nicht mehr ausüben kann. An Arbeitshilfen haben wir ihr schon alles Mögliche gegeben. Eine Versetzung in andere Bereiche ist aufgrund der schlechten Deutschkenntnisse nicht möglich. Was können wir machen?
Viele Grüße
Einen schönen guten Tag wünsche ich Ihnen!
Das ist ein typischer Fall, der einem immer wieder im BEM begegnet: wenn niedrig qualifizierte Kräfte aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, wird es schwierig. Dabei ist dies absehbar: die meisten Arbeitsplätze für geringqualifizierte Kräfte sind hochbelastet und damit ist Verschleiß und gesundheitliche Einschränkungen quasi vorprogrammiert.
Das bedeutet, dass man bereits bei der Einstellung der Reinigungskraft hätte davon ausgehen müssen, dass sie diese Arbeit nicht bis zum Renteneintrittsalter ausführen können wird. Durch frühzeitige Bereitstellung von Arbeitshilfen, Job-Rotation und andere Maßnahmen hätten die gesundheitlichen Einschränkungen womöglich verhindert werden können. Jetzt im BEM, wo der Schaden bereits eingetreten ist, werden dann die Hilfen bereitgestellt – warum nicht schon früher?!
Bei der oben genannten Reinigungskraft konnten auch diese Hilfen die Arbeitsfähigkeit nicht wieder herstellen. Also ein neuer Arbeitsplatz, da eine krankheitsbedingte Kündigung bei der langen Zugehörigkeit und der Größe des Arbeitgebers vermutlich nicht vor Gericht Bestand hätte. Ein neuer Arbeitsplatz verlangt von der Mitarbeiterin auch Anpassungen. Viele Menschen tun sich ab einem bestimmten Alter schwerer mit diesen Anpassungen – gerade wenn sie die letzten Jahre oder womöglich Jahrzehnte an der Stelle nicht gefordert wurden.
Es stellt sich hier die Frage, wie lange die Frau bereits diese Tätigkeit ausübt und wann sie die letzte Fort- oder Weiterbildung hatte. Und in dem Fall, welcher typisch ist, lautete die Antwort: 30 Jahre und nie. Auch an der Stelle hat also der Arbeitgeber versäumt, rechtzeitig vorzubeugen!
Jetzt im BEM ist es wichtig, die Potenziale und Interessen der Frau als Grundlage für eine systematische Qualifizierung differenziert zu erfassen – eventuell mit Hilfe externer Partner. Vermutlich wird eine längere und kleinschrittige Begleitung der Frau notwendig sein. Aber auch das ist nicht sicher, denn eins habe ich in der Zeit im BEM gelernt: „nichts ist unmöglich!“ und man erlebt immer wieder positive Überraschungen. Nicht nur in der Politik gibt es formal unqualifizierte Menschen, mit einem Taxischein als höchsten berufsqualifizierenden Abschluss, die dann sogar Außenminister wurden! Womöglich ist das BEM-Verfahren der Anstoß für die Frau ihr Studium wieder aufzunehmen …
Auch im BEM gibt es den Effekt der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“, daher seien Sie offen für die Möglichkeiten und optimistisch bezüglich Entwicklungen. Jedes Ziel ist erreichbar, wenn nur die Schritte klein genug sind …
Viele Grüße und bleiben Sie gesund!
Frank Stöpel
Wenn der Beruf nicht mehr passt, ist das BEM nicht am Ende. Dann beginnt die eigentliche Suche: nach dem, was noch geht, was sich verändern lässt – und wer dabei hilft.
Erst den bisherigen Arbeitsplatz ausschöpfen
Bevor über einen Wechsel nachgedacht wird, lohnt der systematische Blick auf den bisherigen Arbeitsplatz. Was dort möglich ist, zeigt eine gründliche Situationserfassung. Gestalten lässt sich weit mehr als der Schreibtisch:
- Arbeitsplatz und Hilfsmittel: flexible Arbeitshöhen, Stehhilfen, ergonomische Stühle; in der Fertigung technische Hebe- und Transporthilfen, höhenverstellbare Plattformen, Bodenmatten.
- Arbeitsumgebung: Beleuchtung, Lärm, Temperatur, Zugluft – ältere Beschäftigte brauchen zum Beispiel deutlich mehr Licht.
- Arbeitsorganisation: weniger Zeitdruck und Unterbrechungen, ein neuer Aufgabenzuschnitt, Arbeitsplatzrotation statt immer gleicher Handgriffe, klare Zuständigkeiten.
- Arbeitszeit: vorübergehend oder dauerhaft weniger Stunden, keine Nachtschicht, keine ungeplante Mehrarbeit, Kurzpausen.
- Soziale Beziehungen: das Team auf die Rückkehr vorbereiten, Konflikte klären, Führungskräfte unterstützen.
- Die Person: Anlernen und Qualifizierung, medizinische oder berufliche Rehabilitation, Angebote zur Gesundheitsförderung.
Oft ist es nicht die eine große Maßnahme, sondern es sind viele kleine, die zusammen den Unterschied machen.
Wenn es am alten Platz nicht mehr geht: ein anderer Arbeitsplatz
Reicht das alles nicht, wird nach einem anderen, leidensgerechten Arbeitsplatz gesucht. Dazu gehört nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts auch, zu prüfen, ob sich ein passender Arbeitsplatz durch Umsetzungen freimachen lässt. Damit der Wechsel gelingt, braucht es einen klaren Blick darauf, was die Person kann und was die neue Stelle verlangt.
Ein Beispiel aus der betriebsärztlichen Praxis: Ein 52-jähriger, ungelernter Schmelzer in einem Stahlwerk konnte wegen eines ausgeprägten Bandscheibenleidens nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurück, auch nach einer Reha nicht. Der Betriebsarzt erstellte ein Fähigkeitsprofil und verglich es mit den Anforderungen aller infrage kommenden Arbeitsplätze. Die Phase der stufenweisen Wiedereingliederung wurde genutzt, um ihn auf verschiedenen Arbeitsplätzen probeweise arbeiten zu lassen. Am Ende fand er seinen Platz in der betrieblichen Waschraumreinigung, wo er Arbeitstempo und Haltung selbst bestimmen konnte. Für die Bodenreinigung wurden spezielle Maschinen angeschafft. Er arbeitet seitdem ohne weitere Fehlzeiten – und dank Tarifvertrag mit gesichertem Verdienst.
Wie man eine Wiedereingliederung für eine solche Erprobung nutzt, steht im Beitrag Stufenweise Wiedereingliederung im BEM. Und dass ein neuer Platz nicht nur zu den Einschränkungen passen muss, sondern auch zu dem, was jemandem die Arbeit bisher gegeben hat – Status, Bewegung, Kontakte –, beschreibt der Beitrag Arbeitsfähigkeit statt Krankheit.
Qualifizierung: Lernen muss man wieder lernen
Wer 30 Jahre an derselben Stelle gearbeitet und nie eine Weiterbildung bekommen hat, tut sich mit dem Lernen schwer. Diese „Lernentwöhnung“ führt im BEM häufig zu Widerstand. Viele Betriebe setzen dieselben Beschäftigten über Jahre an ihren Stammarbeitsplätzen ein, weil es kurzfristig entlastet. Langfristig gehen dabei Qualifikationen und die Bereitschaft verloren, anderswo zu arbeiten.
Für ältere Beschäftigte eignen sich deshalb meist arbeitsplatznahe Qualifizierungen besser als reine Theorie. Möglich ist vieles: vom Anlernen und Einarbeiten über eine Qualifizierung auf gleicher Ebene bis zur Umschulung im Rahmen der beruflichen Rehabilitation. Ein Berufsförderungswerk kann zum Beispiel helfen, ein Fähigkeitsprofil und einen Qualifizierungsplan zu erstellen. Und immer gilt: lieber viele kleine Schritte als ein großer, der überfordert.
Wer hilft – und wer zahlt?
Für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben gilt der Grundsatz „Reha vor Rente“: Erst werden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Welcher Träger zuständig ist, hängt vom Einzelfall ab:
- Die Rentenversicherung ist häufig der erste Ansprechpartner, in der Regel bei Beschäftigten mit mehr als 15 Jahren Versicherungszeit oder wenn eine Erwerbsminderung droht. Sie fördert berufliche Rehabilitation, Umschulung und die Ausstattung von Arbeitsplätzen und zahlt währenddessen Übergangsgeld. Vor Ort berät die Reha-Fachberatung, für Arbeitgeber gibt es den Firmenservice.
- Die Unfallversicherung – Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse – ist zuständig nach Arbeits- und Wegeunfällen sowie bei Berufskrankheiten.
- Die Agentur für Arbeit übernimmt Leistungen zur Teilhabe vor allem bei kürzerer Versicherungszeit, häufig also bei jüngeren Beschäftigten. Sie ist auch Ansprechpartnerin für eine Gleichstellung bei einem Grad der Behinderung von 30 oder 40.
- Das Integrationsamt (in manchen Bundesländern Inklusionsamt) unterstützt schwerbehinderte und gleichgestellte Beschäftigte und ihre Arbeitgeber, etwa mit technischer Arbeitsplatzausstattung und dem technischen Beratungsdienst, personeller Unterstützung, einer Arbeitsassistenz oder einem Zuschuss, wenn die Leistung behinderungsbedingt deutlich geringer ist. Die Integrationsfachdienste beraten dazu.
Wer nicht sicher ist, welcher Träger zuständig ist, muss sich davon nicht abhalten lassen: Ein Rehabilitationsträger muss seine Zuständigkeit innerhalb von zwei Wochen prüfen und den Antrag sonst weiterleiten. Wie viel so etwas bewirken kann, zeigt ein Beispiel: Eine 49-jährige Lagermitarbeiterin konnte nach einem Bandscheibenvorfall mit bleibender Lähmung keine Kartons mehr umlagern. Ihr Arbeitgeber wollte ihre Erfahrung behalten und entwickelte für sie eine Tätigkeit in einem PC-gestützten Verwaltungsbereich. Die Rentenversicherung stattete den Arbeitsplatz aus – mit einem elektromotorisch höhenverstellbaren Stuhl, einer Unterarmauflage, einem Headset und passender Tastatur und Maus. Das BEM konnte erfolgreich abgeschlossen werden.
Für Arbeitgeber ist das mehr als eine Gefälligkeit: Wer im BEM die Rehabilitationsträger nicht einbezieht, obwohl ihre Leistungen helfen könnten, hat bei einer späteren krankheitsbedingten Kündigung in aller Regel schlechte Karten; mehr dazu im Beitrag Rechtsanwalt im BEM-Gespräch?
Wenn der Wechsel gelingt – und das Team nicht mitspielt
Ein neuer Arbeitsplatz ist nicht automatisch das Ende des BEM. „Ich will zurück in meine alte Abteilung!“, sagte Frau Tarek (Name geändert), obwohl ihr BEM so schön verlaufen war. In ihrer alten Abteilung konnte sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr arbeiten. In einem anderen Haus desselben Unternehmens war eine Stelle frei, die optimal zu ihrem Fähigkeitsprofil passte, und sie konnte sogar ohne finanzielle Einbußen wechseln. Eine neue Kollegin half ihr bei der Einarbeitung.
Was war passiert? Das neue Team hatte erfahren, dass sie ihre höhere Eingruppierung mitnehmen konnte. Da es im Team ohnehin Spannungen gab, entlud sich der Konflikt an ihr. Solche Konflikte mit weiteren Beteiligten sind im BEM keine Seltenheit: die Führungskraft, die kein Homeoffice genehmigen will, die Geschäftsführung, die Hilfsmittel nicht bezahlen will, das Team, das keine „Sonderbehandlung“ mitträgt.
Hinter solchen Sachthemen verbergen sich oft andere Konflikte. Gerade wenn die Lage komplexer ist, lohnt es sich, einen externen Mediator hinzuzuziehen. Er kann leichter die Interessen und Bedürfnisse hinter den Positionen zur Sprache bringen und eine tragfähige Lösung mitentwickeln – mit der Chance, dass sich auch das Team weiterentwickelt. Zur Kunst, Positionen in Bedürfnisse zu übersetzen, mehr im Beitrag Was darf man im BEM-Gespräch (nicht) sagen? Und schon vor dem Wechsel hilft es, das neue Team vorzubereiten und zu informieren – ohne Details zur Gesundheit.
Vorbeugen ist leichter
Der Fall der Reinigungskraft zeigt, wo die eigentliche Chance liegt: lange vor dem BEM. Hoch belastende Tätigkeiten lassen sich durch Rotation, Hilfsmittel und einen abwechslungsreicheren Aufgabenzuschnitt entschärfen. Regelmäßige Weiterbildung hält die Fähigkeit zum Lernen lebendig. Und wer früh in die Fähigkeiten seiner Beschäftigten investiert, hat später mehr Möglichkeiten, wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt.
Kurz beantwortet
Muss der Arbeitgeber mir einen anderen Arbeitsplatz anbieten?
Er muss im BEM ernsthaft prüfen, ob es einen leidensgerechten Arbeitsplatz gibt – nach der Rechtsprechung auch, ob sich einer durch Umsetzungen freimachen lässt. Einen Anspruch auf eine bestimmte Stelle gibt es nicht. Im Einzelfall lohnt eine Beratung.
Wer bezahlt eine Umschulung?
Je nach Fall die Rentenversicherung, die Unfallversicherung oder die Agentur für Arbeit. Während der Maßnahme gibt es in der Regel Übergangsgeld.
Und wenn gar kein Arbeitsplatz mehr passt?
Dann gilt zunächst „Reha vor Rente“. Wird eine teilweise Erwerbsminderungsrente erwogen, ist eine Beratung bei der Rentenversicherung sinnvoll. Oft lässt sich eine solche Teilrente mit einer Beschäftigung in geringerem Umfang verbinden.
Fazit
Wenn der Beruf nicht mehr passt, braucht es Geduld, Fantasie und Partner. Manchmal reicht es, den bisherigen Arbeitsplatz anders zu gestalten. Manchmal braucht es einen neuen Platz, eine Qualifizierung oder die Unterstützung eines Reha-Trägers. Und manchmal ist das Wichtigste, dass das neue Team mitzieht. Für die Reinigungskraft vom Anfang gilt deshalb weiter: Jedes Ziel ist erreichbar, wenn nur die Schritte klein genug sind.
Sie stehen gerade vor einem Fall, in dem der bisherige Arbeitsplatz nicht mehr passt, oder vor einem Konflikt im Team? Melden Sie sich, gern auch für eine Mediation. Wie Sie solche Fälle im BEM systematisch angehen, ist auch Thema der BEM-Seminare.




